Diagnose. Die Erscheinungen der Pferdestaupe sind ziemlich charak­teristisch, so dass beim allgemeinen Herrschen die Krankheitsfälle leicht erkannt werden können. Einige Schwierigkeiten macht zuweilen die Unter­scheidung derselben von der Brustseuche, namentlich wenn beide Seuchen in einem Orte gleichzeitig vorkommen. Das Bild einer geringfügigen Brustseuche-Erkrankung hat mit den Symptomen, welche die Pferdestaupe in massigen Krankheitsgraden begleiten, viel Aehnlichkeit. Weniger oft wird die Krankheit verwechselt mit der Scalma, Druse, Pyämie, Sephthämie und mit den acuten, fieberhaften Krankheiten der Darmschleimhaut. Wegen der oft sehr starken Eingenommenheit des Bewuss.tseins ist auch eine Verwechslung mit der subacuten Hirnhautentzündung der Pferde nicht ausgeschlossen. Hinsichtlich der speciellen Unterscheidungsmerkmale der Pferdestaupe von anderen Krankheiten verweise ich auf meine Monographie.

Prognose. Die wichtigsten Anhaltspunkte für die Beurtheilung der Pferdestaupe liegen in dem Gesammtcharakter der Krankheit, der bei der Pathogenese und beim Krankheitsverlauf bereits geschildert ist. Günstig verlaufen in der Regel alle Fälle, bei welchen in den Sympto­men eine graduelle Uebereinstimmung und ein massiger Krankheitsgrad ausgesprochen ist. Dagegen, erheischen diejenigen Fälle eine vorsichtige Beurtheilung, bei welchen mehr als 80 Herzcontractionen in der Minute und ein kraftloser Puls bei weicher Arterie vorkommen. Ungünstig wird ferner die Prognose bei schweren Affectionen des Gehirns und bei erhebliehen Complicationen. Auch äussere Umstände, schlechte Einrichtung der Stallung, niedrige Lage der Gehöfte, ungünstige Witterung, schlechtes Futter und anstrengende Arbeit sind bei der Prognose zu beachten.

Behandlung.

Arzneimittel, mit welchen der fieberhafte Verlauf der Pferdestaupe zu coupiren wäre, giebt es nicht. Die mehrfach zur künst­lichen Herabsetzung der Körpertemperatur empfohlenen Medicamente (Chinin, Chinolin, Salicylsäure und salicylsaures Natron, Blausäure u. A.) haben bei der Pferdestaupe keine antifebrile Wirkung. Es ist daher grundsätzlich nur die Indication zu berücksichtigen, dass die von der Seuche ergriffenen Pferde vor allen Nachtheilen bewahrt bleiben, welche geeignet sind, den Krankheitsverlauf zu erschweren und Complicationen herbeizuführen. Von diesem theoretischen Gesichtspunkte aus ist Bück­sicht zu nehmen auf die speeifische ßlutdyskrasie und es ist durch diätetische und arzneiliche Mittel von vornherein einer Vergrösserung und Vermehrung derselben entgegen zu wirken Zu diesem Zwecke empfehlen sich: Aufenthalt in kühlen, gut ventilirten Räumlichkeiten, während des.Sommers vorübergehende Aufstellung der Pferde in freier Luft; Reinigung der Krankenställe und Uebertünchen der Wände und Decken mit Kalkmilch, während des Sommers Besprengen oder Ueber-spülen des Fussbodens mit kaltem Wasser behufs Erniedrigung der Stall­temperatur; häufige Verabreichung von frischem, kaltem Trinkwasser und von schmackhaften -Nahrungsmitteln verschiedener Art. Gegen die Herzschwäche sind erregende Medicamente empfehlenswerth: Spirit. aeth., Rum, Cognac, selbst gewöhnlicher Branntwein mit Wasser verdünnt als Mundflüssigkeit; ferner Camphor 5—10,0 pro die in Latwergenform und Rad. Valerianae. Weniger gut wird Terpentinöl vertragen. Bei starker Congestion nach den Brustorganen und hierdurch bedingter Dyspnoe leisten Einreibungen mit Senfspiritus auf die Brustwandungen gute Dienste. Starker Kräfteverfall erfordert erregende Einreibungen der Haut (Spirit. oder Ol. Terebinth. 1 zu Aq. comm. 5—10). Die Affection des Magens und Darmkanals verlangt häufig die Verabreichung massiger Dosen sali-nischer Abführmittel: Natr. sulfuric, Magn. sulfuric. mit Mehl oder Wasser in Latwergenform. Ausserdem Kochsalz zur beliebigen Aufnahme oder Natr. bicarbon. 100,0 pro die mit Cort. Quercus 30,0 in Latwergen­form. In schweren Fällen ausserdem Priessnitz'sehe Umschläge um den Bauch. Bei starkem Durchfall oder Mastdarmkatarrh als Infusion oder Klystier Weizenmehl in heissem Wasser aufgebrüht und lauwarm alle 2 Stunden zu appliciren. Starke Eingenommenheit des Bewusst-seins verlangt, namentlich im Sommer, Waschungen des Kopfes mit kaltem Wasser oder mit einer Mischung von Wasser, Spiritus und Essig.

Gegen die Anschwellungen der Haut: Waschungen mit kaltem Wasser oder mit Spiritus und Wasser oder mit einer 5proc. Lösung von Plumb. acetic. in Wasser. Empfehlenswert!) ist folgende Ordination: Rp. Pulv. Plumb. acetic. crud. 100,0; Pulv. Alum. crud. 50,0 M. D. S. Einen Theelöffel voll in einer Weinflasche voll Wasser zu lösen und zwei­stündlich zu Waschungen zu gebrauchen. Bei starken Schwellungen der Augen sind Waschungen mit frischem Wasser und bei Lichtscheu 2 Mal täglich Einpinseiungen einer V2 proc. Atropinlösung heilsam.

Hinsichtlich der Nachkrankheiten ist Folgendes zu berücksichtigen. Bei starkem Durchfall innerlich Tinct. Opii simpl. und Tinctur. Valerian. aeth. ana 15,0 mit einer Weinflasche voll Wasser vorsichtig einzugeben und nach Umständen an demselben Tage zu wiederholen. Ausserdem Einreibungen des Bauches mit verdünnten Ol. Terebinth. oder Liqu. Ammon. caust. und Application Priessnitz'scher Umschläge. Schleimhaltige Klystiere. Bei anhaltendem Durchfall: Rp. Hydrarg. chlorat. mit. 1,0, Natr. bicarb. 75,0, Cort. Quere. 50,0 pro die in Latwergenform auf 2—3 Mal zu reichen.

Die Oomplication der Pferdestaupe mit Pneumonie erfordert die zweckmässige Versorgung des Patienten mit frischer Athmungsluft, ausserdem Einreibungen von Senfspiritus und an den folgenden Tagen warme Umschläge um den Brustkasten.

Beim Auftreten von schmerzhaften Zuständen in den Hufen empfiehlt sich Entfernung der Hufeisen oder Regelung des Beschlags neben erweichen­den Umschlägen und Einreibungen von Fett oder Theer in die Krone.

Veterinär-polizeiliche Schutzmassregeln zur Abwehr und Tilgung der Pferdestaupe, die von Spinola (Infi. 1844) empfohlen wurden, sind praktisch nicht ausführbar. Da die Krankheit überall dem Handel und gewerblichen Verkehr mit Pferden folgt, so könnte eine polizeiliche Ein­schreitung nur dann einen Erfolg haben, wenn die Benutzung der kranken und der mit denselben in Berührung kommenden Pferde für den öffent­lichen Verkehr untersagt wäre. Zur Abwehr der Seuche müsste ausser­dem der Import von Pferden aus dem Auslande ganz verboten werden. Wegen der schweren Belästigung des wirthschaftlichen Verkehrs halte ich deshalb die Anordnung von Veterinär-polizeilichen Schutz- und Tilgungsmassregeln nicht für begründet. Auch die schon von Spinola, Fuchs u. A., neuerdings von Lustig und Adam empfohlene Einführung der Anzeigepflicht und der amtlichen Publication aller Eruptionen kann einen befriedigenden Erfolg nicht haben. Denn die Seuche kommt vor­zugsweise in den Pferdebeständen grosser Städte vor und die Namhaft-machung der Besitzer in den öffentlichen Blättern würde bei ungehinder­tem Gebrauche der betreffenden Pferde die Verschleppung des Contagiums nicht behindern können. Auch ist zu berücksichtigen, dass die Diagnose der Pferdestaupe und insbesondere ihre Unterscheidung von der ßrust-seuche bei einzelnen Thieren sogar für viele Thierärzte schwierig ist und dass deshalb umsoweniger den Besitzern die Verpflichtung allgemein auf­erlegt werden kann, den Behörden das Auftreten der Pferdestaupe und des Verdachts derselben bei Vermeidung von Strafe anzuzeigen. Die Pferdebesitzer auf dem Lande thun gut, grundsätzlich gegenüber fremden Pferden vorsichtig zu sein und dieselben nur dann, wenn der Gesund­heitszustand keinem Zweifel unterliegt oder durch eine mehrtägige Isolirung festgestellt ist, in die vorhandenen' Bestände zu bringen.