Krankheiten des Pferdes
W. Dieckerhoff, 1885
Bearbeitet von Ron Täubert, Wiesbaden/Hessen
Capitel IX Pferdestaupe Equorum
So unbekannt die Ursachen aus welchen die Pferdestaupe im Altertum mit Sicherheit gefolgert werden könnte auch sind, so lässt sich doch nach den Schriften der griechischen Pferdeärzte mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Seuche im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. bekannt gewesen und allgemein als Fieber der Pferde bezeichnet worden ist. Im 14. Jahrhundert herrschte die Pferdestaupe in Italien; sie wurde von Laurentius Rusius nach dem Vorgange des Apsyrtus als eine fieberhafte Seuchenkrankheit (Febris Equorum) betrachtet. Soleysel beobachtete sie 1648 im westlichen Deutschland; Kanoldl711 in den östlichen Provinzen des preussischen Staates. Während des 18. Jahrhunderts wurde in den meisten europäischen Staaten, besonders in England, zu wiederholten Malen eine allgemein verbreitete fieberhafte Affection bei den Pferden beobachtet, die zweifellos mit der Pferdestaupe identisch war. Genauer ist die Beschreibung, welche Havemann von dem Auftreten der Krankheit — die er „Faulfieberseuche" nennt — 1796 veröffentlicht hat. Nach Pilger (Handb. 1803) sind 1797 im westlichen und südlichen Deutschland viele Pferde von der Seuche befallen worden; Pilger machte aus derselben zwei Krankheiten: „gutartiges Nervenfieber", und „bösartiges Sumpffieber oder Lungenseuche". Allgemeine Verbreitung erlangte die Pferdestaupe 1804 und 1805. „Sie setzte die Federn vieler Schriftsteller in Bewegung", wie Busch (Syst. d. Thierh. IV. 1816) bemerkt. Ihre Benennung war verschieden: Bösartiges epizootisches Pferdefieber (Viborg); Nervenfieber (Naumann); bösartiges Faulfieber mit Entzündung der Lungen und Leber (Wolstein). In die Zeit der Invasion von 1805 fällt auch das Bestreben, die Seuche mit der menschlichen Influenza zu identificiren. Das Pferdefieber wird als „bösartiges Nervenfieber" und „typhöses Fieber" beschrieben und stellt die Pferdezüchter und –liebhaber vor eine scheinbar unlösbare Herausforderung. Das
„bösartiges Nervenfieber" und „typhöses Fieber" (Typhus, Stalltypbus) bei Pferden ist der Pferdestaupe ähnlich. — In der späteren Zeit wurde die Seuche theils als die katarrhalische, theils als die typhöse Form (Kopfform) der Influenza angesehen, von einzelnen Autoren auch als Typhus oder als Lebertyphus der Pferde definirt.
Die Frage der Ansteckungsfähigkeit der Seuche hat in der Literatur eine sehr ungleiche und unklare Beurtheilung gefunden. Freilich war das nicht anders zu erwarten, da die ätiologische Selbständigkeit der Pferdestaupe gegenüber den anderen zur Influenza gerechneten Krankheiten nicht erkannt wurdo. Grösstentheils blieb die im vorigen Jahrhundert vertretene Ansicht massgebend, nach welcher die Seuche aus allgemeinen Schädlichkeiten der Luft, insbesondere der Stallluft, der Ernährung und des Gebrauchs der Pferde originär entstehen und mit ihrer Ausbildung ein Contagium produciren, bezw. sich durch letzteres weiter verbreiten sollte. Daneben fand auch die Meinung, dass die Influenza nicht ansteckend sei, oder dass die Ansteckung nicht nachgewiesen werden könne, ihre Vertreter (Hertwig, Hering). Zu den überzeugten Anhängern der Lehre von der Ansteckungsfähigkeit der Seuche gehörten Spinola und Fuchs, die zwar gleichzeitig die spontane Entstehung zugaben, dessenungeachtet aber für die Anwendung von polizeilichen Schutzmassregeln wenigstens insoweit plaidirten, als die Eruption der Seuche in einem Pferdebestande öffentlich bekannt gemacht werden möchte, damit andere Besitzer in die Lage kämen, durch geeignete Massnahmen sich vor der Uebertragung des Contagiums auf ihre Pferde zu schützen.
Unter dem Einflüsse des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871 verbreitete sich die Pferdestaupe über ganz Europa; sie fand auch Eingang in Nordamerika (vgl. meine Monographie). Eine erneute Invasion ereignete sich 1881. Die Ausbrüche folgten dem Handelsverkehr mit inficirten oder in derConvalescenz befindlichen Pferden. Allgemein herrschte die Seuche in den Pferdebeständen der grossen Städte. Ihre Ausbreitung in Europa und Amerika war nicht minder gross, als 1871. In Frankreich wird sie vorwaltend als „Fievre typhoide des chevaux" bezeichnet; in England als „Equine Distemper", „Influenza" und „Horse-Plague"; in Amerika als „Pink-Eye" (rothes Auge) oder auch als „Pink-Eye-Pest".
Ich habe 1881 (Adam's Woch.) für die Seuche den Namen der Pferdestaupe eingeführt und zugleich auf Grund meiner umfassenden Beobachtungen die Folgerung motivirt, dass dieselbe mit den übrigen zur Influenza gezählten Krankheiten keine ätiologische Gemeinschaft hat, dass sie sich lediglich durch Ansteckung erhält und dass die bis dahin vertretene Ansicht ihrer ursprüglichen Entstehung auf Irrthum beruht*). Die neue Bezeichnung hat sich in Deutschland bei den Fachmännern schnell eingebürgert. Friedberger hielt zwar dafür, dass es vorzuziehen sei, den Namen der Influenza für die Pferdestaupe zu reserviren und für die anderen Seuchenkrankheiten des Pferdes auszuschliessen. Indess habe ich wiederholt (Adam's Woch. 1883 und 1885) erörtert, dass dieser Vorschlag nicht opportun ist und auf einen durchgreifenden Erfolg nicht rechnen kann. — In meiner ersten Publication (1881) nahm ich Rücksicht darauf, dass die Krankheit von älteren Autoren als ,,rothlauf-artige Form der Influenza" bezeichnet worden ist. Ich übersetzte den Ausdruck in „Influenza erysipelatosa", den ich neben den anderen Bezeichnungen mitanführte. Diese Nomination, die ich nur aus historischem Interesse beigab, hat sich Schütz